Eine Schweizer Erfindung macht Weltkarriere: aber wo bleibt die Schweiz?
H. Sax, Genf
Am 26. Januar 2006 fiel der Startschuss für die Schweizerische Händehygiene-Kampagne mit einer Pressekonferenz in Bern und manchen lokalen Ereignissen in den Spitälern im ganzen Land (www.swisshandhygiene.ch). Das Thema fand ein ungewöhnlich grosses Echo in der Presse mit zahlreichen Artikeln, Fernsehberichten und Radiosendungen.
Die Kampagne war ab Mitte 2004 von SwissNOSO konzipiert und im Verlauf des Jahres 2005 in den Spitälern hinter den Kulissen vorbereitet worden. Eine Messung der Händehygiene in fast allen der 116 teilnehmenden Spitälern vor der Kampagne im Frühjahr 2005 durch geschulte und validierte Beobachter ergab eine Compliance von 54%. In den Medien wurde dieses suboptimale Resultat mit grossem Erstaunen zur Kenntnis genommen, zusammen mit der Tatsache, dass sich in den Schweizer Spitälern nach unseren Schätzungen jedes Jahr rund 70′000 Patienten infizieren. Ab Januar 2006 wurde in den teilnehmenden Institutionen mit viel Phantasie und grossem Enthusiasmus für eine bessere Händehygiene geworben. Bereits vier Monate danach, im Frühjahr 2006 war die durchschnittliche Compliance bereits um 25% gestiegen, nämlich auf 68%. Einige Spitäler, darunter viele kleinere Häuser, schafften sogar die 80%-Hürde. Neben der verbreiteten Akzeptanz der Händehygiene als Schlüsselfaktor in der Infektprävention, der Kreativität der Fachkräften für Spitalhygiene und der Dynamik einer landesweiten Kampagne, hat vor allem eines zum Erfolg beigetragen: “Meine fünf Momente für Händehygiene”. Die Standardisierung und Vereinfachung der Indikationen für Händehygiene, im Rahmen der Schweizer Kampagne ‘erfunden’, wurde zu einem weltweiten Promotionsschlager in der Händehygiene-Kampagne der WHO “Clean Care is Safer Care”. Auch andere Erfahrungen und Entwicklungen aus der Schweizer Kampagne dienten als Grundlage für die WHO-Kampagne. Die Erfolgsgeschichte der WHO-Kampagne können Sie in diesem Bulletin im Artikel von Didier Pittet und Kollegen nachlesen.
Seit 2007 gibt es kein nationales Händehygieneprogramm mehr, was nicht heisst, dass alle ehemaligen Teilnehmer die Händehygienekampagne den Schwung verloren haben. Leider war aber die politische Unterstützung für die Überführung dieser Kampagne in ein nationales Programm zu schwach. SwissNOSO arbeitet jedoch weiter mit ungemindertem Engagement an der Reduktion der spitalerworbenen Infektionen, wie an dem im Juni 2009 begonnenen nationalen Surveillanceprogramm für postoperative Infektionen abzulesen ist, an dem über 70 Spitäler teilnehmen. Diese Surveillance versteht SwissNOSO als ersten Baustein von Swiss Clean Care, einem modularen nationalen Programm zur Reduktion von nosokomialen Infektionen.
Bezüglich Händehygiene plant Swiss-NOSO zurzeit ein weiteres Projekt. Wir werden darüber im Laufe des Frühjahrs berichten.
