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9 Mai 2010 | Swissnoso Bulletin | Artikel

Therapie-Empfehlungen bei Scabies in Spitälern und Langzeitinstitutionen

M. Bühlmann, Aarau, A. Widmer, Basel, G. Zanetti, Lausanne und P. Itin, Basel

Scabies (oder Krätze) ist eine von Mensch zu Mensch übertragene Ektoparasitose, die durch die Milbe Sarcoptes scabiei verursacht wird. Das Krankheitsbild sowie die Therapie des Einzelfalls wurde ausführlich beschrieben von D. Guggisberg im Swissnoso 1998; 4: 27-29.

Der vorliegende Artikel beleuchtet die spezifischen Aspekte der Scabies in Spitälern und Langzeitinstitutionen.

Scabies kann Epidemien an Spitälern und Langzeitinstitutionen verursachen, begünstigt durch 1. den engen Körperkontakt zwischen Personal und PatientInnen, 2. die hohe Zahl an immungeschwächten und älteren Individuen, 3. die lange Inkubationszeit der Scabies, während der infestierte Personen bereits infektiös sein können (asymptomatische Träger), 4. die fehlende Frühdiagnostik.

Ausgangspunkt einer Epidemie sind mehrheitlich betagte oder immungeschwächte Individuen mit Scabies crustosa (S. norvegica), der hochinfektiösen, milbenreichen Form der Scabies. Typischerweise sind in Spitälern in erster Linie das Personal betroffen und in zweiter Linie die Angehörigen, jedoch nur selten PatientInnen. In einer Scabies Epidemie am Universitätsspital Basel mit über 1600 exponierten Personen fanden sich bei 18% der Mitarbeitenden und 5% bei deren Angehörigen, jedoch bei keinem Patienten Symptome, die vereinbar waren mit einer Scabies. 1 Fall einer dokumentierten Scabies-Übertragungen ging von einem asymptomatischen Mitarbeiter aus.

Entscheidend für die Verhinderung oder Unterbrechung einer Epidemie ist die frühzeitige Einleitung von Massnahmen, die 1. die Transmission innerhalb der Institution und 2. die Transmission innerhalb der Familien von Mitarbeitenden und PatientInnen stoppen.

Bei Auftreten eines Scabies Falles sind folgende Massnahmen zu treffen:

  1. Die Diagnose sollte von einem erfahrenen Dermatologen gesichert werden (Dermatoskopie und/oder positiver Milbennachweis im skin scrape).
  2. Pflege mit Handschuhen/Überschürze oder Kontaktisolation (Scabies crustosa bzw. norvegica) (vgl. Tabelle 1).
  3. Behandlung von Personen mit dokumentierter Scabies.
  4. Gleichzeitige Behandlung von exponierten Personen im Spital:
    alle Mitarbeitenden, die ab der Inkubationszeit (6 Wochen vor Auftreten des Hautausschlags) mit dem Scabies-Fall Körperkontakt hatten (Pflegende, Ärzte, Therapeuten, medizinische-technische RöntgenassistentInnen etc.) sowie deren Angehörige, die im gleichen Haushalt leben, werden immer präventiv behandelt (auch asymptomatische Personen) (vgl. Tabelle 2).
  5. Gleichzeitige Behandlung der Angehörigen von PatientInnen:
    Alle Angehörigen, die mit dem Patienten/ der Patientin im gleichen Haushalt leben, sowie Kinder und Sexualpartner werden präventiv behandelt (auch asymptomatische Personen) (vgl. Tabelle 2).
  6. Festlegen eines Stichtags, an dem sich alle involvierten Personen (Personal, PatientInnen und Angehörige) gleichzeitig behandeln.
  7. Bis zum Stichtag: Pflege in Überschürze und Handschuhen. PatientInnen, die vor dem Stichtag aus der Klinik verlegt werden, müssen vorgängig behandelt werden, um eine Weiterverbreitung in andere Institutionen zu verhindern.
  8. Zur Unterbrechung der Epidemie gilt: “Hit hard and early”.

Zur Behandlung der Scabies wird international in erster Linie Permethrin 5% Crème empfohlen - das Präparat ist preisgünstig, einfacher zu applizieren und besitzt eine bessere Wirksamkeit (91-97.8% Wirksamkeit nach 1 Applikation) und Verträglichkeit als Lindan (Jacutin®), das derzeit einzig wirksame und in der Schweiz für die Behandlung der Scabies zugelassene Medikament. Als Alternative sind Ivermectin Tabletten empfohlen (Wirksamkeit 95% nach 2 Dosen) (vgl. Tabelle 1).

Crotamiton Crème (Eurax®) ist für die Behandlung der Scabies auf Grund von Resistenzen sowie der eingeschränkten Wirksamkeit (ca. 60%) nicht mehr empfohlen.

Tabelle 1
* Ivermectin 3mg Tbl. bei Personen 70-80kg 5 Tbl., 50-70kg 4 Tbl., 36-50 kg 3 Tbl., 25-35 kg 2 Tbl., 15-24 kg 1 Tbl. ** 2. Dosis Permethrin wird empfohlen 1. wenn noch Symptome vorhanden sind und 2. bei Epidemien. KG = Körpergewicht

* Ivermectin 3mg Tbl. bei Personen 70-80kg 5 Tbl., 50-70kg 4 Tbl., 36-50 kg 3 Tbl., 25-35 kg 2 Tbl., 15-24 kg 1 Tbl. ** 2. Dosis Permethrin wird empfohlen 1. wenn noch Symptome vorhanden sind und 2. bei Epidemien. KG = Körpergewicht

Tabelle 2
Tabelle 2

1 Aufgeführt sind die wichtigsten Nebenwirkungen. Für detaillierte Angaben zu Nebenwirkungen und Anwendung verweisen wir auf die Packungsbeilage.

2 Gemäss Art. 36 der Arzneimittelbewilligungsverordnung können Produkte, die in der EU zugelassen sind, in der Schweiz ohne Sonderbewilligung eingesetzt werden, falls

  1. Medizinalpersonen das Medikament für bestimmte PatientInnen oder Notfälle verschreiben,
  2. es in der gleichen Indikation eingesetzt wird wie im Land, in dem eine Zulassung besteht (EU oder USA),
  3. keine valable Alternative in der Schweiz verfügbar ist.

Infectoscab® und Stromectol® erfüllen diese Kriterien für die Behandlung der dokumentierten Krätze zumindest für Kleinkinder <3 Jahre, Schwangere sowie Personen mit Hauterkrankungen.

Die Präparate können von der Apotheke aus der EU bestellt werden (Lieferfrist für Infectoscab® ca. 1-2 Tage, Stromectol® 3-4 Tage).

Für die präventive Behandlung von Scabies-Kontaktpersonen besteht in der EU für beide Präparate keine Zulassung, es muss daher bei der Swissmedic ein Antrag für einen Off-label use gestellt werden (www.swissmedic.ch/de/fach/overall.asp?theme=0.00088.00003&theme_id=733, Formular 3.1.24). In dringenden Fällen kann nach telefonischer Besprechung eine Bewilligung innerhalb eines Arbeitstages erteilt werden.

  1. Scabies und Pedikulosen: Epidemiologie, Management und Prävention. Swissnoso 1998; 4; 27-29.
  2. Skabies. Leitlinie Deutsche Dermatologische Gesellschaft. Journal der Deutschen Dermatolischen Gesellschaft 2007; 5. 424-431.
  3. Scabies. CDC Guidelines for Treatment of Sexually Transmitted Diseases 1998.
  4. Hennge UR, Currie BJ, Jäger G et al: Scabies: a ubiquitous neglected skin disease. Lancet Infect Dis 2006; 6: 769-79.
  5. Vorou R, Rdmoudaki HD, Maltezou HC. Nosocomial scabies. J Hosp Infect 2007; 65: 9-14.
  6. Elgart ML. A risk -benefit assessment of agents used in the treatment of scabies. Drug Safety 1996; 14: 386-393.
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