Händewaschen mit desinfizierender Seife oder Händedesinfektion? Mythen und Fakten
01.12.1995
Seit Semmelweiss Mitte des 19.Jahrhunderts
gilt das Händewaschen als wirksame
Maßnahme zur Prävention von spitalerworbenen
(= nosokomialen) Infektionen.
Trotzdem wird auch heute diese Massnahrne
immer wieder hinterfragt, obwohl
einige Epidemien mit methizillin-resistenten
Staphylokokkus aureus, Pseudomonas aeruginosa
und anderen Keimen auf kontaminierte
Hände des Spitalpersonals zurückgeführt
werden konnten. Dies hängt damit
zusammen, dass nur wenige "harte" klinische
Daten vorliegen, und viele Substanzen
sich historisch etabliert haben. 1994 hat
Rotter - 150 Jahre später - den mikrobiologischen
Nachweis der epidemiologischen
Beobachtung von Semmelweiss erbracht,
dass das von ihm eingesetzte Desinfektionsmittel
(Chlorkalkwasser) hochwirksam
ist, selbst wenn man es mit nach strengen
europäisch empfohlenen Testmethoden
(prEN1499 und prEN1500) testet. Die immer
noch fehlende international anerkannte
Standardisierung der mikrobiologischen Testung von Präparaten und der
Mangel an klinischen Studien auf diesem
Gebiet hat viel zur Verunsicherung und
Unglaubwürdigkeit der Händedesinfektion
beigetragen. Die deutsche Gesellschaft für
Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) hat,
in Zusammenarbeit mit Österreich und der
Schweiz Standards für die mikrobiologische
Testung gesetzt, die im deutschsprachigen
Raum weitgehend akzeptiert sind (Tabelle
1). Im französisch-sprechenden Raum gelten
die Normen der Association Franraise de
Normalisation (AFNOR), im englischsprachigen
Raum werden teils andere Standards
verwendet. Trotz der verschiedenen Normen
sind alkoholische Präparate immer
wirksamer als desinfizierende Seifen. Für
die Zulassung werden jedoch an desinfizierende
Seifen weniger harte Kriterien angewandt
als für alkoholische Präparate. Zur
Beurteilung eines Präparates ist daher darauf
zu achten, nach welcher Methode die
im Prospekt beschriebenen Keimreduktionen
erzielt wurden: Untersuchungen, die nicht nach einem der in Tabelle 1 erwähnten
Standards durchgeführt wurden, sind
mit großer Vorsicht zu interpretieren.
A. Widmer, P. Francioli